Wie der Zoll Drogenpakete findet
Wenn der Toaster süßlich dünstet
Wer Drogen in ein Land bringen will, nutzt dafür nicht unbedingt verschlungene Trampelpfade oder geheime Meeresrouten. Vieles kommt einfach auf dem Postweg. Der Zoll steht vor einer Flut aus Paketen - und muss die richtigen aus dem Verkehr ziehen. Ein Besuch.
Von Jonas-Erik Schmidt, dpa
Köln
Es ist tiefe Nacht, als der Zollbeamte Jens Ahland ein Paket in der Hand hält, in dem sich angeblich Wanddekoration befindet. Auf der Verpackung ist ein schwarzes, seltsam knubbeliges Kreuz zu sehen, auf dem in kitschiger Schrift „Love“ gepinselt steht. Man könnte argumentieren, dass die erschütternde Geschmacklosigkeit des Gebindes bereits ahndungsfähig sein könnte. Aber Ahland, ein baumhoher Mann mit korrekt sitzendem Kurzarmhemd, hat eine andere Vermutung. „Haschischpaste“, stellt er fest. „Fragen Sie mich jetzt nicht, wie das konsumiert wird.“
Ahland steht in einer Logistik-Halle am Flughafen Köln/Bonn. Es rumpelt und dröhnt. Auf unzähligen Bändern rattern Pakete vorbei, die auf dem Weg zu ihren Empfängern in Deutschland und in anderen Ländern sind. Der Airport im Kölner Südosten gilt als wichtiger Umschlagplatz. Nach Angaben des Zolls kommen pro Nacht bis zu 500 000 Pakete an, um weiterverteilt zu werden.
Da nicht jedes Paket mit redlichen Absichten auf die Reise geschickt wurde, stehen die Zollbeamte vor einer gewaltigen Aufgabe. Ihr Job ist es nämlich, jene Sendungen herauszufiltern, in denen illegale Waren unterwegs sind. Also zum Beispiel Drogen. In dieser Nacht lassen sie Einblicke zu, wie sie dabei vorgehen. Der Spielaufbau: Kleine und große Kriminelle verstecken mal geschickt, mal recht plump Rauschgifte in Paketen. Und der Zoll versucht, sie zu finden.
Die Kiste mit der Dekoration etwa fiel beim Röntgen auf. Seltsame Strukturen waren zu erkennen, die gar nicht so aussahen, als könnte man sich damit eine Wand verschönern. Also wird das Paket ziemlich humorlos aufgeschnitten und begutachtet. In mehreren Lagen eingewickelt kommt gelbliches Gel zum Vorschein. „Soll wohl eine erheblich stärkere Wirkung haben als Marihuana“, weiß Ahland.
Klar ist zugleich, dass der Zoll wegen der immensen Menge nicht alle Pakete kontrollieren kann. Eine Vorauswahl ist nötig. Man könnte auch sagen: ein Filter, der eine hohe Trefferquote verspricht. Der Zoll nennt das „Risikoanalyse“. Ist ein Absender schon bekannt? Ist die Route verdächtig? Oder die Warenbeschreibung? Ahland, auch Zoll-Pressesprecher, skizziert den Prozess recht plastisch. „20 Kilo Teddybär aus Kolumbien? Nach Schweden? Über Köln/Bonn?“, sagt er. „Ich würde da einen Haken dran setzen und mir das mal angucken.“
Angucken, das bedeutet für den Zoll auch anschnüffeln. Speziell ausgebildete Hunde helfen den Beamten, Drogenverstecke in den oft unscheinbar wirkenden Paketen zu finden. Schäferhündin Abby etwa ist darauf trainiert. Trittsicher scharwenzelt sie über ein Band, auf dem eine Auswahl an Paketen aufgereiht wurde. An jeder Verpackung reibt die Hündin ihre Schnauze - aber nur bei einer bleibt sie plötzlich wie angewurzelt stehen. Abby „friert ein“, wie man es hier nennt. Das bedeutet: Sie glaubt, etwas entdeckt zu haben.
Ahland zieht im Stile eines Chirurgen flugs blaue Einmalhandschuhe über und zückt ein Messer. Das Erste, was man sieht, ist allerdings: Bauschaum. Bauschaum? Tja, weiß man nicht. Fakt ist aber, dass manche Absender ahnen, dass ihre Sendung verdächtige Gerüche absondern könnte - also versuchen sie, die Hundenasen zu verwirren. „Wir haben sehr oft, dass in Zwischenräumen mit Gewürzmischungen gearbeitet wird. Mit Kaffeepulver. Oder mit Toilettensteinen“, sagt Ahland. „Funktioniert alles nicht.“
Und tatsächlich: Unter dem Bauschaum befinden sich mehrere eingeschweißte Pakete. „Marihuana“, protokolliert Ahland. Er schätzt: zwei Kilo. Straßenverkaufswert: knapp 20 000 Euro. Nach dem Anschnitt verbreitet sich in der warmen, von künstlichem Licht erhellten Halle sofort ein süßlicher Geruch. „Wenn die Tüte offen wäre, bräuchten wir unsere Spürhunde nicht. Das riecht jeder“, sagt Ahland. „Aber das Schwierige ist, wenn die Tüte noch zu ist.“
Mit kräftigen Gerüchen abzulenken, das ist die eine Strategie. Die andere ist die Verpackung. Ecstasy-Pillen in Christbaumkugeln, Kaffeemaschinen mit Amphetamin im Boden - hat es alles schon gegeben. An diesem Abend fällt ein Toaster auf. Er ist komplett entkernt, aber gefüllt mit Marihuana. Die „organischen Stoffe“ an Stellen, an denen bei einem Toaster eigentlich nur Drähte und Kunststoff sind, werden beim Röntgen entdeckt. „Wie man sieht, war das der richtige Riecher“, sagt Ahland zufrieden. „Apropos Riecher. Wir machen das mal zu.“ Erneut verbreitet sich süßlicher Marihuana-Geruch in der Halle.
Überhaupt sollte man für den Zoll-Job ganz offensichtlich kein überempfindliches Näschen haben. Ahland und seine Kollegen gehen meist ganz nah ran, um sich einen Eindruck zu verschaffen. Mehrmals hängen sie an diesem Abend mit dem Gesicht über Katzenfutter, über stark riechenden Cremes, über seltsam anmutenden Duftkerzen. Manches stellt sich dabei auch schnell als unverfänglich heraus. Ein armer Mensch etwa hat offensichtlich ein Paket mit niederländischen Köstlichkeiten verschicken wollen. Dass nun Zollbeamte seinen Fertig-Pfannkuchen-Mix derart eingehend untersuchen, dürfte er kaum geahnt haben.
Das gilt vermutlich auch für den Absender eines Pakets, dessen Inhalt irgendwann in dieser Nacht auf dem Röntgenschirm auftaucht. Zu sehen ist ein Tentakel mit Saugnäpfen. „Ist das ein Oktopus?“, fragt der Reporter. Der erfahrene Zollbeamte, der am Gerät steht, kann allerdings schnell Entwarnung geben. Kein Tier habe leiden müssen. „Das ist ein Sexspielzeug“, sagt er in aller Nüchternheit. „Das kann man sich in den Po stecken.“ Nur Kunststoff. Das Paket darf also weiterreisen.
Köln
Es ist tiefe Nacht, als der Zollbeamte Jens Ahland ein Paket in der Hand hält, in dem sich angeblich Wanddekoration befindet. Auf der Verpackung ist ein schwarzes, seltsam knubbeliges Kreuz zu sehen, auf dem in kitschiger Schrift „Love“ gepinselt steht. Man könnte argumentieren, dass die erschütternde Geschmacklosigkeit des Gebindes bereits ahndungsfähig sein könnte. Aber Ahland, ein baumhoher Mann mit korrekt sitzendem Kurzarmhemd, hat eine andere Vermutung. „Haschischpaste“, stellt er fest. „Fragen Sie mich jetzt nicht, wie das konsumiert wird.“
Ahland steht in einer Logistik-Halle am Flughafen Köln/Bonn. Es rumpelt und dröhnt. Auf unzähligen Bändern rattern Pakete vorbei, die auf dem Weg zu ihren Empfängern in Deutschland und in anderen Ländern sind. Der Airport im Kölner Südosten gilt als wichtiger Umschlagplatz. Nach Angaben des Zolls kommen pro Nacht bis zu 500 000 Pakete an, um weiterverteilt zu werden.
Da nicht jedes Paket mit redlichen Absichten auf die Reise geschickt wurde, stehen die Zollbeamte vor einer gewaltigen Aufgabe. Ihr Job ist es nämlich, jene Sendungen herauszufiltern, in denen illegale Waren unterwegs sind. Also zum Beispiel Drogen. In dieser Nacht lassen sie Einblicke zu, wie sie dabei vorgehen. Der Spielaufbau: Kleine und große Kriminelle verstecken mal geschickt, mal recht plump Rauschgifte in Paketen. Und der Zoll versucht, sie zu finden.
Die Kiste mit der Dekoration etwa fiel beim Röntgen auf. Seltsame Strukturen waren zu erkennen, die gar nicht so aussahen, als könnte man sich damit eine Wand verschönern. Also wird das Paket ziemlich humorlos aufgeschnitten und begutachtet. In mehreren Lagen eingewickelt kommt gelbliches Gel zum Vorschein. „Soll wohl eine erheblich stärkere Wirkung haben als Marihuana“, weiß Ahland.
Klar ist zugleich, dass der Zoll wegen der immensen Menge nicht alle Pakete kontrollieren kann. Eine Vorauswahl ist nötig. Man könnte auch sagen: ein Filter, der eine hohe Trefferquote verspricht. Der Zoll nennt das „Risikoanalyse“. Ist ein Absender schon bekannt? Ist die Route verdächtig? Oder die Warenbeschreibung? Ahland, auch Zoll-Pressesprecher, skizziert den Prozess recht plastisch. „20 Kilo Teddybär aus Kolumbien? Nach Schweden? Über Köln/Bonn?“, sagt er. „Ich würde da einen Haken dran setzen und mir das mal angucken.“
Angucken, das bedeutet für den Zoll auch anschnüffeln. Speziell ausgebildete Hunde helfen den Beamten, Drogenverstecke in den oft unscheinbar wirkenden Paketen zu finden. Schäferhündin Abby etwa ist darauf trainiert. Trittsicher scharwenzelt sie über ein Band, auf dem eine Auswahl an Paketen aufgereiht wurde. An jeder Verpackung reibt die Hündin ihre Schnauze - aber nur bei einer bleibt sie plötzlich wie angewurzelt stehen. Abby „friert ein“, wie man es hier nennt. Das bedeutet: Sie glaubt, etwas entdeckt zu haben.
Ahland zieht im Stile eines Chirurgen flugs blaue Einmalhandschuhe über und zückt ein Messer. Das Erste, was man sieht, ist allerdings: Bauschaum. Bauschaum? Tja, weiß man nicht. Fakt ist aber, dass manche Absender ahnen, dass ihre Sendung verdächtige Gerüche absondern könnte - also versuchen sie, die Hundenasen zu verwirren. „Wir haben sehr oft, dass in Zwischenräumen mit Gewürzmischungen gearbeitet wird. Mit Kaffeepulver. Oder mit Toilettensteinen“, sagt Ahland. „Funktioniert alles nicht.“
Und tatsächlich: Unter dem Bauschaum befinden sich mehrere eingeschweißte Pakete. „Marihuana“, protokolliert Ahland. Er schätzt: zwei Kilo. Straßenverkaufswert: knapp 20 000 Euro. Nach dem Anschnitt verbreitet sich in der warmen, von künstlichem Licht erhellten Halle sofort ein süßlicher Geruch. „Wenn die Tüte offen wäre, bräuchten wir unsere Spürhunde nicht. Das riecht jeder“, sagt Ahland. „Aber das Schwierige ist, wenn die Tüte noch zu ist.“
Mit kräftigen Gerüchen abzulenken, das ist die eine Strategie. Die andere ist die Verpackung. Ecstasy-Pillen in Christbaumkugeln, Kaffeemaschinen mit Amphetamin im Boden - hat es alles schon gegeben. An diesem Abend fällt ein Toaster auf. Er ist komplett entkernt, aber gefüllt mit Marihuana. Die „organischen Stoffe“ an Stellen, an denen bei einem Toaster eigentlich nur Drähte und Kunststoff sind, werden beim Röntgen entdeckt. „Wie man sieht, war das der richtige Riecher“, sagt Ahland zufrieden. „Apropos Riecher. Wir machen das mal zu.“ Erneut verbreitet sich süßlicher Marihuana-Geruch in der Halle.
Überhaupt sollte man für den Zoll-Job ganz offensichtlich kein überempfindliches Näschen haben. Ahland und seine Kollegen gehen meist ganz nah ran, um sich einen Eindruck zu verschaffen. Mehrmals hängen sie an diesem Abend mit dem Gesicht über Katzenfutter, über stark riechenden Cremes, über seltsam anmutenden Duftkerzen. Manches stellt sich dabei auch schnell als unverfänglich heraus. Ein armer Mensch etwa hat offensichtlich ein Paket mit niederländischen Köstlichkeiten verschicken wollen. Dass nun Zollbeamte seinen Fertig-Pfannkuchen-Mix derart eingehend untersuchen, dürfte er kaum geahnt haben.
Das gilt vermutlich auch für den Absender eines Pakets, dessen Inhalt irgendwann in dieser Nacht auf dem Röntgenschirm auftaucht. Zu sehen ist ein Tentakel mit Saugnäpfen. „Ist das ein Oktopus?“, fragt der Reporter. Der erfahrene Zollbeamte, der am Gerät steht, kann allerdings schnell Entwarnung geben. Kein Tier habe leiden müssen. „Das ist ein Sexspielzeug“, sagt er in aller Nüchternheit. „Das kann man sich in den Po stecken.“ Nur Kunststoff. Das Paket darf also weiterreisen.
Kommentar
Allgemeine Zeitung
Zu diesem Artikel wurden keine Kommentare hinterlassen