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Das tapfere Schneiderlein

In Flavios kleinem Haus hinter der roten Backsteinmauer an der Hauptstraße surrt die Nähmaschine.
Täglich stundenlang. Auf den vier Quadratmetern Raum stapeln sich Schnittmuster, Stoffrollen, unzählige Scheren und Nadeln. Unter der Decke an einer Stange hängen die fertigen Entwürfe. Kurze
Sommerkleider, feine Kostüme, Röcke mit Rüschen. Mittendrin eine Nähmaschine und ein alter Computer. Wofür Mode-Designer gewöhnlich Boutiquen-große Showrooms brauchen - das macht Flavio auf dem Platz einer Abstellkammer. 2008 mietete er den Arbeitsraum für sein Projekt an. Er nannte es "Vernas Development Uplifting Organisation For Disabled" - nach seiner größten und einzigen Förderin. Bis dahin hatte sich Flavio alleine durchgekämpft. Bis zum 4. Grade besuchte der gebürtige Angolaner die Schule in Kongo, wechselte anschließend auf eine Sonderschule, ein Internat, wo er nähen lernte. "In meinem Heimatdorf war ich der einzige taube Junge", erzählt Flavio. Zehn Monate im Jahr blieb er im Kongo, nur während der Ferien kehrte er in sein Dorf in Angola zurück und sah er seine Familie. Die Gebärdensprache bekam er erst während seiner Schulzeit beigebracht. 2000 kam der gelernte Schneider dann nach Namibia. "Ich flüchtete vor dem Bürgerkrieg in Angola und das war nicht einfach" erinnert er sich. Immer wieder gab es Probleme - um Geld, um die Aufenthaltsgenehmigung und Papiere. Dann traf Flavio Verna, die Frau eines ausländischen Geschäftsmannes. Für Flavio wurde es Fügung. Drei Jahre waren die beiden unzertrennlich. "Mit Verna bin ich zu Stiftungen gefahren, sie konnte das Taxigeld bezahlen, mit den Leuten reden, für mich verhandeln." Verna gründete einen Verein zur Unterstützung gehörloser Handwerker und Schneider in Windhoek; Flavio dolmetschte für sie in Gebärdensprache. Mittlerweile ist es bald zwei Jahre her, dass Verna mit ihrem Mann nach Südafrika zog, doch Flavio und die sie stehen in engem Kontakt. "Wir telefonieren regelmäßig, sie fragt immer wie das Geschäft läuft", erzählt er verlegen. Tatsächlich sind seine Ersparnisse aus Vernas Zeit nach zwei Jahren fast aufgebraucht, mit seinem kleinen Schneiderladen in Katutura ging es im letzten Jahr auf und ab. "Die Zahlungsmoral der Kunden ist nicht immer gut", so Flavio. Fördergelder von staatlichen Organisationen wie der National Association for the Deaf (NNAD) hat er noch nie gesehen. "Dort bin ich nie weitergekommen", so Flavio. Seine zwei Lehrlinge kommen unregelmäßig - meist haben sie Geld für das Taxi, manchmal aber eben nicht. Mit seinen Stoff-Kreationen an die Kleiderständer der Windhoeker Innenstadt-Boutiquen zu kommen, was vielleicht mehr Aufträge und etwas Anerkennung verspricht, scheint für Flavio bislang unerreichbar. Dennoch bleibt er ein Kämpfer mit kühlem Kopf und hochtrapenden Visionen. Er hat Talent, Ehrgeiz, kann sowohl traditionelle Gewänder, als auch extravagante Abendkleider oder lässige Straßenmode, die auch nach Paris oder Berlin passen würde, mit Leichtigkeit erfinden. "Oft gibt es Verständigungsprobleme mit meinen Kunden, wenn sie etwas beschreiben, aber wenn sie das Ergebnis sehen, sind sie immer völlig außer sich vor Begeisterung", sagt Flavio stolz. Er ist gut, weil er weiß und weil er fühlt, abschätzt und erkennt, was Menschen tragen wollen. 2010 soll sein Jahr werden. "Ich will die Kleider für die 'Miss Deaf'-Wahl in Namibia schneidern und vielleicht ein weiteres Geschäft im Norden eröffnen. Leute von wohltätigen Projekten haben mich angesprochen, ob ich mir das vorstellen könnte."Seine Fahrt zur diesjährigen "Miss Deaf-Wahl" in Walvis Bay war dagegen noch sehr holprig. Wir fuhren fünf Stunden mit einem sehr schlechten Auto hatten weder Geld für Getränke, Essen oder eine Unterkunft dort", erzählt der Designer etwas zerknirscht. Das will er nicht noch einmal durchmachen müssen. Vor vier Monaten sind er und seine Frau Veronica Eltern des kleinen Jonathan Shikongos geworden. Seine Frau arbeitet weiterhin als Verkäuferin in einem Supermarkt, die Schwiegereltern hüten für die Hälfte ihres Gehalts tagsüber das Baby, während Flavio näht. Stunde für Stunde - oft bis sehr spät. Seine eigenen Eltern hat er seit 15 Jahren nicht gesehen. "Sie leben im Kongo, aber ein Flug dorthin ist unbezahlbar. Wir schreiben uns regelmäßig und natürlich wollen sie das Baby sehen", sagt er lächelnd. Ja, wenn er dieses Jahr expandieren kann und sein Geschäft ausbaut, wer weiß, dann könnte es zu einem tränenreichen Wiedersehen kommen - und er ist fest entschlossen. Er sagt es so entschlossen, dass alle automatisch nicken. Und das sollte man auch. Nicken, weil man Flavio und seinem Unternehmen nur das Allerbeste, Erfolg und Reichtum für die Zukunft wünschen kann. Wohlwissend, dass ein enttäuschendes Ende dieser Geschichte wahrscheinlicher ist.

Kommentar

Allgemeine Zeitung 2024-11-23

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