Lüderitz und Waterberg in Polen
Auf den Spuren der deutschen Besatzung im 20. Jahrhundert
Man kennt den Ort Lüderitz bzw. Lüderitzbucht in Namibia, der 1883 an der Küste des Landes bei Angra Pequena - nach Konsul Heinrich Vogelsang kurzzeitig auch Fort Vogelsang genannt - durch den deutschen Unternehmer Adolf Lüderitz als Handelsniederlassung gegründet und nach seinem Tod drei Jahre später ihm zu Ehren umbenannt wurde. Weniger bekannt ist hingegen, dass es in der einst brandenburgischen Altmark - im heutigen deutschen Bundesland Sachsen-Anhalt gelegen - südlich von Stendal einen kleinen Ort namens Lüderitz gibt. Die Siedlung war ursprünglich ein Rittergut und Stammsitz des adligen Geschlechts derer von Lüderitz, das dort 1247 zum ersten Mal urkundlich erwähnt wurde. In letzter Zeit haben die gleichnamigen Orte in Deutschland und Namibia zwecks einer Partnerschaft Kontakt miteinander aufgenommen, nachdem man festgestellt hatte, dass sie die einzigen dieses Namens weltweit sind.
Doch für kurze Zeit gab es noch einen dritten Ort, der den Namen Lüderitz führte und zwar die rund 20 Kilometer südlich von Bromberg gelegene Stadt Labiszyn am Fluss Netze in Polen, die im Zweiten Weltkrieg von 1940 bis 1945 so hieß. Im Jahre 1247, also zufällig zum selben Zeitpunkt, als die Urheimat der Familie von Lüderitz in deutschen Annalen auftaucht, ist auch am Standort des späteren Lüderitz in Polen von der Burg eines Rittergutes die Rede. Die Siedlung, die um die Burg herum entstand, erschien 1362 erstmals als „Labissino“ beziehungsweise „Lambissino“. Der Kastellan Pawel Gembicki stellte 1678 eine Urkunde aus, mit der er das Stadtrecht von 1369 anerkannte und bestätigte. Auf dieser Grundlage beging Labiszyn 1994 die 625-Jahr-Feier, und am Wochenende des 21. bis 23 Juni 2019 feierte man das 650jährige Stadtjubiläum.
1375 wurde der Ort unter dem polnischen Namen „Labiszyn“ genannt, in den Jahren 1413, 1416 und 1484 findet man die eingedeutschte Schreibweise „Labischin“, und 1422 sowie 1425 die deutsch-polnischen Mischformen „Labyschino“ und „Labischino“. Nachdem der Netzedistrikt dann 1772 im Rahmen der ersten polnischen Teilung an Preußen gefallen war, hieß die Stadt im amtlichen deutschen Sprachgebrauch „Labischin“, oft noch mit dem Zusatz „an der Netze“, und 1838 wurde ihr zudem die preußische Städteordnung verliehen.
Durch den Vertrag von Versailles kam die Region 1920 wieder zur neugegründeten Republik Polen. Die Stadt- und Landgemeinde Labiszyn gehörte weiterhin zum Kreis Schubin in der jetzigen Woiwodschaft Posen, wechselte aber 1938 in die Woiwodschaft Großpommerellen. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht im September 1939 erhielt die Stadt zunächst wieder den früheren deutschen Namen Labischin, wurde aber schon Anfang 1940 in Lüderitz umbenannt - „in Erinnerung an den deutschen Kaufmann Adolf Lüderitz“, wie es offiziell hieß. Warum man ausgerechnet diese Bezeichnung wählte, ist nicht ersichtlich, denn einen unmittelbaren Bezug des Kolonialpioniers oder seiner Familie zu der Stadt hatte es zuvor nie gegeben. Der Ortsteil Lubostron erhielt sogar den Namen „Lettow-Vorbeck“ - nach dem Kommandeur der Schutztruppe Paul von Lettow-Vorbeck - obwohl auch hier keinerlei historischer Zusammenhang zu erkennen ist.
Ende Januar 1945 besetzte die Rote Armee die Stadt, unter deutscher Besatzung fünf Jahre lang Lüderitz hieß und die seither wieder Labiszyn heißt und heute 4.500 Einwohner zählt.
Neben der Stadt Lüderitz gab es für wenige Jahre auch ein Ort namens Waterberg in Polen. Wie in den deutschen Ostgebieten vor 1918 üblich, gab es oft Gemeinden und umliegende Gutsbezirke, die beide denselben Namen führten. So gab es die Gemeinde Radomitz und den Gutsbezirk Radomitz - beide gelegen im Kreis Schmiegel westlich von Posen. Am 30. März 1910 wandelte man den Gutsbezirk Radomitz in eine eigenständige neue Gemeinde um, die den Namen Waterberg erhielt - in Erinnerung an die Kämpfe am Waterberg 1904. Am 1. Juni 1913 wurde in der „Ansiedlung“ ein Kolonialkriegerdenkmal errichtet.
Wenige Jahre später war alles vorbei: Infolge des Vertrags von Versailles übernahm die neugegründete Republik Polen Anfang 1920 formal die Verwaltung in der bis dahin deutschen Provinz Posen. Infolge dessen wurde das Denkmal in Waterberg demontiert. Die Siedlung erhielt nun den polnischen Namen Wydorowo - wörtliche Übersetzung des deutschen Wortes Waterberg - und wurde Ortsteil der benachbarten Gemeinde Smigiel im Powiat Smigiel, wozu sie noch heute gehört.
Wolfgang Reith
Doch für kurze Zeit gab es noch einen dritten Ort, der den Namen Lüderitz führte und zwar die rund 20 Kilometer südlich von Bromberg gelegene Stadt Labiszyn am Fluss Netze in Polen, die im Zweiten Weltkrieg von 1940 bis 1945 so hieß. Im Jahre 1247, also zufällig zum selben Zeitpunkt, als die Urheimat der Familie von Lüderitz in deutschen Annalen auftaucht, ist auch am Standort des späteren Lüderitz in Polen von der Burg eines Rittergutes die Rede. Die Siedlung, die um die Burg herum entstand, erschien 1362 erstmals als „Labissino“ beziehungsweise „Lambissino“. Der Kastellan Pawel Gembicki stellte 1678 eine Urkunde aus, mit der er das Stadtrecht von 1369 anerkannte und bestätigte. Auf dieser Grundlage beging Labiszyn 1994 die 625-Jahr-Feier, und am Wochenende des 21. bis 23 Juni 2019 feierte man das 650jährige Stadtjubiläum.
1375 wurde der Ort unter dem polnischen Namen „Labiszyn“ genannt, in den Jahren 1413, 1416 und 1484 findet man die eingedeutschte Schreibweise „Labischin“, und 1422 sowie 1425 die deutsch-polnischen Mischformen „Labyschino“ und „Labischino“. Nachdem der Netzedistrikt dann 1772 im Rahmen der ersten polnischen Teilung an Preußen gefallen war, hieß die Stadt im amtlichen deutschen Sprachgebrauch „Labischin“, oft noch mit dem Zusatz „an der Netze“, und 1838 wurde ihr zudem die preußische Städteordnung verliehen.
Durch den Vertrag von Versailles kam die Region 1920 wieder zur neugegründeten Republik Polen. Die Stadt- und Landgemeinde Labiszyn gehörte weiterhin zum Kreis Schubin in der jetzigen Woiwodschaft Posen, wechselte aber 1938 in die Woiwodschaft Großpommerellen. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht im September 1939 erhielt die Stadt zunächst wieder den früheren deutschen Namen Labischin, wurde aber schon Anfang 1940 in Lüderitz umbenannt - „in Erinnerung an den deutschen Kaufmann Adolf Lüderitz“, wie es offiziell hieß. Warum man ausgerechnet diese Bezeichnung wählte, ist nicht ersichtlich, denn einen unmittelbaren Bezug des Kolonialpioniers oder seiner Familie zu der Stadt hatte es zuvor nie gegeben. Der Ortsteil Lubostron erhielt sogar den Namen „Lettow-Vorbeck“ - nach dem Kommandeur der Schutztruppe Paul von Lettow-Vorbeck - obwohl auch hier keinerlei historischer Zusammenhang zu erkennen ist.
Ende Januar 1945 besetzte die Rote Armee die Stadt, unter deutscher Besatzung fünf Jahre lang Lüderitz hieß und die seither wieder Labiszyn heißt und heute 4.500 Einwohner zählt.
Neben der Stadt Lüderitz gab es für wenige Jahre auch ein Ort namens Waterberg in Polen. Wie in den deutschen Ostgebieten vor 1918 üblich, gab es oft Gemeinden und umliegende Gutsbezirke, die beide denselben Namen führten. So gab es die Gemeinde Radomitz und den Gutsbezirk Radomitz - beide gelegen im Kreis Schmiegel westlich von Posen. Am 30. März 1910 wandelte man den Gutsbezirk Radomitz in eine eigenständige neue Gemeinde um, die den Namen Waterberg erhielt - in Erinnerung an die Kämpfe am Waterberg 1904. Am 1. Juni 1913 wurde in der „Ansiedlung“ ein Kolonialkriegerdenkmal errichtet.
Wenige Jahre später war alles vorbei: Infolge des Vertrags von Versailles übernahm die neugegründete Republik Polen Anfang 1920 formal die Verwaltung in der bis dahin deutschen Provinz Posen. Infolge dessen wurde das Denkmal in Waterberg demontiert. Die Siedlung erhielt nun den polnischen Namen Wydorowo - wörtliche Übersetzung des deutschen Wortes Waterberg - und wurde Ortsteil der benachbarten Gemeinde Smigiel im Powiat Smigiel, wozu sie noch heute gehört.
Wolfgang Reith
Kommentar
Allgemeine Zeitung
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