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Wo einst der Fuß des Kriegers trat, wächst heut der schönste Kopfsalat (Teil 25)

Praktikant WAZon
32 Grabsteine zeigen auf dem Swakopmunder Friedhof gen Osten. Es handelt sich um die Begräbnisstätte der jüdischen Gemeinde. Der älteste Grabstein gehört einem Kind; J. Hurfield (Hurthfeld) 1870 in Hall in England geboren und 1875 zu Grabe getragen. Seit 1912 ruht hier auch eine „Torah“, die heilige Schriftrolle der Juden.

Neue Kolonie, neuer Anfang. Swakopmund breitet sich sturmartig aus. Am Strand: ein Kommen und Gehen. Doch nicht nur Christen setzen ihren Fuß auf sandigen Boden und hoffen auf gute Geschäfte. Auch eine kleine Zahl jüdischer Siedler streckt die Fühler nach schnellem Reichtum aus. Es lockt der Guano bei „Cape Cross“ sowie der Einzel- und Großhandel in Swakopmund und im Inland.

Während sich Missionar Heinrich Vedder 1905 um die christliche Gemeinde bemüht, schließen sich im selben Jahr die jüdischen Einwanderer zu einer israelitischen Kultusgemeinde zusammen. Anfangs sind es nur zwölf Personen. 1910 gehören 65 Anhänger dieser ältesten monotheistischen Religion an. Diese kleine jüdische Gemeinschaft ist vor allem wegen ihrer großen Hilfsbereitschaft gegenüber Minderbemittelten hoch angesehen. Sie werden von den Küstenbewohnern verehrt und sogar in den Bezirksamt-Jahresberichten lobenswert erwähnt. Solomon Stern ist ihr Präsident. Gouverneur Friedrich von Lindequist schätzt ihn sehr, weil er dem Land sein Mitwirken am Aufbau zusichert. Allerdings ist sein Name auch mit einer Schattenseite verbunden. Angeblich soll er zusammen mit einem gewissen Charney Schwartzmann nebenbei ein kleines öffentliches Bad betrieben haben. Berüchtigt, weil dort Männlein und Weiblein gemeinsam baden durften. Zudem wird er mit Joseph Lis alias Joseph Silver alias Joseph Isaacs alias „Jack the Ripper“ in Verbindung gebracht, der angeblich 1906 in Swakopmund verweilt haben soll. Das zumindest behauptet der südafrikanische Historiker Charles van Onselen. Aber das ist eine andere Geschichte und steht in einem anderen Buch.

Da Swakopmund keine Synagoge hat, finden die Vorlesungen aus der Torah im Laden von Herrn Brill in der Brückenstraße statt. Die Torah ist der Grundstein des jüdischen Glaubens. Diese heilige Gesetzesschrift beinhaltet die fünf Bücher Moses, welche nach der jüdischen Lehre insgesamt 613 „Mitzwot“ (Gebote) beinhaltet. Die zehn Gebote sind die bekanntesten. Dieser Bund Mitzwot bestimmt das gesamte Leben eines frommen Juden. Jede Torah ist handgeschrieben – mit spezieller Tinte auf feinstem Pergamentpapier und jedes Mal identisch vom Original „kopiert“. Aufgerollt auf zwei Rollstäben umhüllt ein Samtmantel schützend diese Hauptquelle des jüdischen Rechts und der Ethik. Die Torah wird derart geachtet, dass man sie nicht mit den Händen berührt. Zum Lesen verwendet man daher einen silbernen Stab, genannt „Jad“, an dessen Ende sich eine Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger befindet. Der Jad fungiert als Lesehilfe und dient dem Schutz der Torah vor unsauberen Händen.

Die jüdische Tradition sagt, dass Bücher genauso heilig sind wie das Leben selbst. Fassungslos muss die Gemeinde zusehen, wie 1912 ein Feuer im Hause Brills wütet und dabei einen Teil des Wegweisers ihres Denkens und Lebenswandels zerstört. Die halbverbrannte Schriftrolle wird in ein Leichentuch gewickelt und zu Grabe getragen. So wie es der Brauch will, verneigt sich auch die Torah gen Osten. Aus europäischer Sicht liegt dort Jerusalem, doch im südlichen Afrika trifft das nicht zu. „Das bedeutet aber nicht, dass alle falsch beigesetzt wurden“, klärt Zvi Gorlik, der Leiter der jüdischen Gemeinschaft auf, „sie verneigen sich zur aufgehenden Sonne, das allein zählt.“
Bis 2003 weisen drei hölzerne Grabkreuze darauf hin, dass auf dem jüdischen Teil des Swakopmunder Friedhofs eine Torah beerdigt liegt. Heute schmückt ein Grabstein den Platz und klärt auf: „Vernichtet am 21. Mai 1912 (den Sonntag zuvor) im Laden von Herrn Brill in der Brückenstraße, wo Gottesdienste abgehalten wurden. Begraben am 11. Juli 1912.“

Ein Grabstein auf dem Swakopmunder Friedhof wird übrigens lange von einem Fauxpas begleitet. Das Grab von Walter Galler. Der Jude ist mit einer „Schickse“ verheiratet. „Im Jiddischen bedeutet Schickse eigentlich ‚unreines Mädchen‘“, offenbart die Jüdin Ilse Jensen. Das männliche Gegenstück der Schickse wird im Jiddischen „Schegez“ (Christenbursche) genannt. Doch egal, ob mit einer Schickse verheiratet oder weit ab von der Heimat, wenn das Osterfest naht, bemüht sich jeder Jude um etwas Matzoh, ein spezielles jüdisches Brot. So auch Walter Galler.

Als der Mann am 28. September 1939 stirbt, will seine gute Frau ihm liebe Worte mit auf den Weg geben. Sie ist der hebräischen Sprache nicht mächtig, möchte aber wenigstens die Inschrift auf seinem Grabstein auf Hebräisch geschrieben haben. Erzählungen zufolge findet sie beim Stöbern durchs Haus in der Speisekammer noch eine Box Matzoh. Vorsichtig löst sie den Aufkleber, auf dem in hebräischer Schrift „kosher le pesach“ steht. Das klingt sauber, das klingt rein. Der Steinmetz bekommt den Auftrag, doch leider kennt auch er sich weder mit der Sprache noch mit der Schrift aus. Und so kommt es, dass jahrelang die Inschrift auf Walter Gallers Grabstein lautet: „Erlaubt und rein fürs Osterfest“ – leider verkehrt herum eingemeißelt. Erst viele Jahre später wird die Beschriftung entfernt.

Kommentar

Allgemeine Zeitung 2024-12-18

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